Von iPhones bis Kundenkiosk, Touchscreens sind ein akzeptierter Teil des Verbraucherlebens. Kann Mehrfingereingabe auch durch Windows 7s internen Support bald für Unternehmensangestellte zum Alltag werden?
Branchenexperten haben das bisher bezweifelt. Aber, besonders in bestimmten vertikalen Bereichen, wird es wahrscheinlich recht bald Interesse daran geben, was Windows 7 und Mehrfingereingabe auf den (Bildschirm-)Tisch bringen. Mechanische CAD-Anwendungen sind ein offensichtlicher Bereich, aber warum die Vorteile auf engagierte und ausgebildete 3D CAD-Anwender beschränken?
„Mehrfingereingabe ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dahin, 3D für „jedermann“ zugänglich zu machen“, sagt Blake Courter, Mitbegründer des 3D Direct Modeling Software-Anbieters SpaceClaim, dessen Produkte auf Ingenieure und Industrie-Designer zugeschnitten sind, die sich mit Analyse, Prototyping und Produktion befassen. Diesen Monat wird das Unternehmen eine Mehrfingereingaben-Version seiner Lösungen auf den Markt bringen, die es erweiterten Design- und Engineering-Teams ermöglicht, 3D-Modelle ohne die Komplexität von CAD zu lesen und zu bearbeiten. Und mit der neuen Version können Anwender diese Manipulation mit ihren Fingerspitzen vornehmen. Die Software unterstützt Interaktionsbewegungen wie zum Beispiel Zweifinger-Rotierung, Dreifinger-Spins, Schwenken und Zoomen und Courters persönlicher Favorit, Vierfinger-Box-Auswahl, was auf einen Streich all das bei 3D-Modellen tut, wozu ansonsten viele Mausklicks benötigt würden. (Sie können einen Blick auf SpaceClaim mit Mehrfingereingabe in Aktion werfen.)
„Vom Blickwinkel der persönlichen Produktivität ist das sehr aufregend“, sagt Courter, der sein eigenes, im Winkel hinter seiner Tastatur aufgestelltes Touchscreen-Notebook in Palettenmodus benutzt. „Für mich ist dieser Bildschirm eine Erweiterung der Tastatur.“
Windows 7-Anwendungen, die im Hinblick auf Mehrfingereingabe aktualisiert oder gebaut sind, können Datenverarbeitung so wie Unternehmensanwender sie kennen, drastisch verändern. Dies geht weit über den elementaren OS-Support von der Stange hinaus, mit Handbewegungen wie Zweifinger-Pan oder Zoom, die selbst Anwendungen zur Verfügung stehen, die Mehrfingereingabe nicht erkennen. Obwohl Touchscreens nur zwei Berührungspunkte unterstützen müssen, um Windows 7-kompatibel zu sein, können Software-Anwendungen so viele simultane Berührungspunkte nutzen, wie die zugrunde liegende, berührungssensible Hardware unterstützt.
Ein großer Verbrauchermarkt werden ganz klar die Spielfelder Design, Engineering und Architektur sein, sagt Lenny Engelhardt, Vice President Geschäftsentwicklung bei N-trig, dessen DuoSense kapazitative Touch-Technologie, Kapazitäten für Mehrfingereingabe in Windows 7 für bis zu vier Finger unterstützt. Man sollte sich darauf einstellen, dass Anbieter in diesen Bereichen ihre Produkte innerhalb der nächsten ein- bis eineinhalb Jahre mit Mehrfingereingabe ausstatten, sagt Engelhardt, dessen Firma Anfang letzten Jahres von Microsoft Geldmittel in Höhe von $24 Millionen erhielt.
N-trig konzentriert sich auf Bildschirmgrößen von 7 bis 17 Zoll. Seine Technologie (die auch Stifteingabe unterstützt) wird unter anderem in Systemen wie Dells Latitude XT und XT2 Notebook-/Tablet-PCs verwendet. Zurzeit ist N-trig der einzige Anbieter, der Eingabebildschirme für Laptops verkauft, die simultan vier Berührungspunkte unterstützen, sagt Engelhardt. Ende nächsten Jahres wird dessen Chipset der nächsten Generation Zehnfinger-Berührung unterstützen.
Das Gesundheitswesen ist ein weiterer vertikaler Bereich, der die Vorteile mehrfingereingabe-fähiger Anwendungen nutzen könnte. Ein Beispiel sind Systeme für elektronische Patientenakten, auf welche Ärzte und Krankenschwestern zugreifen, um Informationen über den medizinischen Hintergrund, Medikamente usw. ihres Patienten einzuholen. „Berührung ist dazu geschaffen und wird am besten dort verwendet, wo Information konsumiert wird, nicht dort, wo sie erstellt wird, sagt Geoff Walker, Produktmarketing-Manager für NextWindow, deren optische Touchscreens zwei Berührungspunkte unterstützen und auf allen All-In-One-Desktops, so wie Dells Studio One 19, Anwendung finden. Sie stellen auch Mehrfingereingabe-Bildschirme in großen Formaten her (bis zu 120 Zoll). „Wir denken, da es sich zum größten Teil um Daten handelt, die vom Anwender konsumiert, nicht aber erstellt werden, dass Berührung dort sehr wichtig wird.“
Potenziell gibt es für Mehrfingereingabe sogar einen Platz im Bereich medizinische Abbildungsanwendungen. Um jedoch zu vermeiden, dass Fingerabdrücke das Bild verschleiern, müssten solche Anwendungen möglicherweise zwei Bildschirme haben: einen großen Monitor zur Ansicht des makellosen Bildes, welcher durch einen kleineren Touchscreen-Bildschirm kontrolliert wird, den Ärzte, Radiologen und anderes Gesundheitspersonal für ihre Handbewegungen verwenden.
Sogar Produktionsarbeiter könnten Abnehmer für diese Technologie sein, und zwar überall dort, wo gesteuert anstatt Information erstellt wird. Es könnte zum Beispiel bei Fließbandbetrieb die Notwendigkeit bestehen, PCs zur Kontrolle zweier Schieber zu verwenden, die Auswirkungen auf Vorgänge oder Geräte haben, wobei die Stützen um verschiedene Winkel, jedoch zur gleichen Zeit hochgeschoben werden. Das ist mit Maus-Interaktion nicht möglich, aber „leicht mit Mehrfingereingabe“, sagt Walker.
Über die Vertikalen hinaus
Es überrascht nicht, dass Mehrfingereingabe in Windows 7-Systemen zuerst bei vertikalen Anwendungen ein zu Hause finden, wo deren Nützlichkeit für eine spezielle Anwendergruppe leicht bewiesen werden kann, bevor die Technologie auf breiterer Ebene für den allgemeinen Wissensarbeiter Einsatz findet. Die Hardware hat einen Aufpreis. Und wo die Wiederbelebung der Weltwirtschaft gerade erst beginnt, sind Unternehmen vielleicht noch nicht geneigt, größere Investitionen in Betriebsmittel vorzunehmen, als sie zwingend müssen. Jetzt liegt es an unabhängigen Software-Anbietern (ISVs), kreativ im Hinblick darauf zu werden, was sie an OS-nutzenden und anwendungsspezifischen Mehrfingereingabe-Fähigkeiten in ihrer Windows 7-Software liefern können. Das schließt Microsoft mit ein, die angeblich Mehrfingereingabe-Fähigkeiten in Office 2010 mit einbeziehen werden, obwohl noch unklar ist, um was es sich genau handelt.
Walker schlägt Unternehmensdashboards als einen möglichen Weg vor, auf dem Mehrfingereingabe in das Umfeld von Wissensarbeitern gelangen an. „Dashboards sind als Zugangsmittel zu Unternehmensinformation sehr beliebt, also liegt der Brennpunkt wieder auf Informationskonsum‟, sagt Walker. Tippen Sie eine Funktion auf einer Dashboardanwendung an, die Einsicht in Daten für einen ganzen Monat gewährt, schlägt er vor, und dann Zweifinger-zoomen Sie eine Nahansicht der Daten für den letzten Tag herein. Das ist wohl unbestreitbar die schnellere und intuitivere Art, um den sporadischen Zugang zu Informationen ermöglichen, für den Dashboards ursprünglich gebaut wurden. „Sporadischer Zugang zu Informationen ist schon immer stark mit Berührung verbunden gewesen“, zeigt Walker auf. Ein Beispiel ist, wenn Sie Ihren Kontostand am Bankautomaten abfragen.
Vielleicht ist Mehrfingereingabe nicht die ultimative Anwendung, aber hat es eine Chance, ultimativ zu werden? Engelhardt denkt ja. „Es geht darum, dass der Anwender Zugang zu einer Vielfalt, einer umfassenden Bibliothek von Handbewegungen hat“, sagt er, wobei er mehr als zwei Finger gleichzeitig verwendet, um Objekte auf seiner Bildschirmoberfläche zu behandeln, als wären Sie Objekte auf einem Desktop. Denken Sie, wie es wäre, wenn man Symbole, die auf einer Bildschirmansicht verstreut sind, mit fünf Fingern einsammeln und zur Seite schieben würde oder die Finger über ein bestimmtes Stück Information strecken würden, das Sie von einem Arbeitsblatt brauchen und dieses dann mit ihren Fingern zum Druckersymbol ziehen würden, um eine Hardcopy nur von diesem bestimmten Stück Information auszudrucken. „Stellen Sie sich vor, Sie könnten ein Stück einer Datenbank nehmen und es in eine Folie werfen oder in ein anderes Programm kopieren, indem Sie dieses einfach mit Ihren Fingern markieren – das ist clever und leicht“, sagt er. „Es wird sich herausstellen, dass Mehrfingereingabe nützlich ist und Spaß macht.“ N-trig plant eine neue Veröffentlichung ihres SDK-Frameworks, das Entwickler zur Entwicklung and Anwendung von hoch entwickelten, vielfältigen Handbewegungen verwenden können.
Ein weiterer potenzieller Bereich, in dem Mehrfingereingabe Unternehmensangestellten helfen könnte, ist der Bereich Kollaboration, schlägt Jonathan Brill vor, ein unabhängiger Berater für Mehrfingereingabe-Produktstrategie, -Design und -Entwicklung. „Da wird es richtig interessant. Besonders, wenn Sie sich global und geografisch verstreute Arbeitskräfte vorstellen, die dann interagieren könnten und zu diesem Zweck ein gemeinsames Instrument für ihre Interaktion hätten“, sagt er. Heute sieht diese Kollaboration oft so aus, dass verstreute Arbeitskräfte gegenseitig ihre Desktops kontrollieren, sagt Brill. Die Effizienz könnte jedoch verbessert werden, wenn jeder Arbeiter einen zweiten Mehrfingereingabe-Bildschirm als Interaktionspunkt verwenden würde. „Hier gibt es viel Spielraum für ein Gerät, das man zusammen kontrollieren kann und dann Informationen hin und her schieben kann, um sie auf dem eigenen Gerät zu kontrollieren, das für Dinge wie Textbearbeitung und Manipulation von Arbeitsblättern besser geeignet ist“, sagt er.
Mehrfingereingabe, so glauben ihre Befürworter, ist im Wesentlichen das Produkt von Evolution. „Wenn Sie über den Trend der letzten 30 Jahre im Bereich Datenverarbeitungs-Benutzeroberfläche nachdenken, dann ging es darum, Menschen in näheren körperlichen Kontakt mit den von ihnen manipulierten Informationen zu bringen“, sagt Brill. Privat- und Geschäftsanwender stiegen von Befehlszeilenoberflächen zu Mausklick-Modellen auf, aber es fehlten ihnen immer noch die Mittel, um Informationen direkt so zu manipulieren, als wären Sie in Realität wirkliche Aktenordner. „Mehrfingereingabe unternimmt diesen nächsten Schritt und macht es möglich, diese Inhalte oder Ordner zu bewegen und zwar als tastbare Erfahrung,“ sagt er, obwohl noch Probleme zu lösen sind, um die bestmögliche Erfahrung sicherzustellen. Es könnte für den Desktop-Benutzer einer mehrfingereingabe-fähigen Büro-Produktivitätsanwendung zum Beispiel besser sein, mit einem vor ihm liegenden Touchpad zu interagieren, anstatt mit dem Bildschirm selbst. Dies würde die Verzerrung der Inhalte, mit denen er interagieren will, vermeiden.
Aber, wir werden da noch hinkommen. „Wir haben 30 Jahre gebraucht, um Bürobetrieb neu zu überdenken und da anzukommen, wo wir jetzt sind“, sagt Brill. „Es könnte noch weitere 30 Jahre dauern, um Bürobetrieb zu überdenken, damit wir dahin kommen, wo wir hingehen.“
Aber bis dahin werden Unternehmen schon damit begonnen haben, die ersten paar Generationen von Mitarbeitern aufzunehmen, die als Kind mit Mehrfingereingabe als Teil ihres alltäglichen Verbraucherlebens aufgewachsen sind und die ihre veränderten Erwartungen in Bezug darauf, wie Dinge am Arbeitsplatz funktionieren sollten, mitbringen. Sie werden eine erhebliche Rolle dabei spielen, Geschäften bei der Erforschung der Möglichkeiten für die Einbringung von Mehrfingereingabe in das Unternehmen zu helfen, und zwar genau so, wie es das heute heranwachsende Arbeitskräfte für Anwendungen im Bereich soziale Medien tun. „Wenn junge Leute all ihre Zeit mit einem Mobilgerät verbringen, das Mehrfingereingabe fürs Zoomen hat, dann gehen sie irgendwo mit der Erwartung auf einen Monitor zu, dass hier das Gleiche möglich ist“, sagt Walker. Und Unternehmen müssen mit diesen Erwartungen Schritt halten.









